Pressebericht

 

Kein Zauberer, aber ein Helfer

Gunter Schreyer unterstützt als Arbeitsloser junge Menschen bei Suche nach Ausbildungsplätzen

 

Leipzig. Gunter Schreyer gehört zu den 3 175 000 Millionen Menschen, die zuletzt in Deutschland arbeitslos gemeldet waren. Ein Gesicht hinter einer schwer vorstellbaren, abstrakten Zahl. Seit zehn Jahren ohne Arbeit, gibt der 58-Jährige dennoch nicht auf. Er wollte sich nicht mehr länger damit abgeben, auf der Wartebank des Geschäftslebens auszuharren und begann, seine Erfahrungen zu nutzen und anderen Betroffenen zu helfen. Selbst abgeschrieben vom Arbeitsmarkt, versucht Schreyer nun, jungen Menschen den oft mühevollen Weg in

eine problemreiche Welt zu erleichtern. Nachdem er aufgrund mehrerer Einbrüche in sein Geschäft und der Krankheit der Mutter seine Selbstständigkeit als Getränkeeinzelhändler einstellen musste, hat er oft versucht, Arbeit zu finden. Heraus kamen Ein-Euro-Job-Angebote, für

die er aber meist zu alt war. „Wer über 30 Jahre ist, kann wieder gehen“, hieß es etwa aufgrund zu hoher Teilnehmerzahl zu Beginn eines Seminars, in dem sich Schreyer weiter qualifizieren wollte. EinSatz, den sich der Chemnitzer nicht bieten lassen wollte. Seit acht Jahren unterstützt er Jugendliche bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz. Ehrenamtlich. Dazu erfasst er Lehrstellenangebote ausbildender Firmen aus Tageszeitungen und dem Internet und stellt sie auf seine Website unter www.lehrstellenmarkt.de.md. „Ich kann keine Lehrstellen zaubern, aber ich versuche zu helfen“, so Schreyer über seinenDienst. Die Idee dazu kam dem gebürtigen

Mittweidaer, nachdem er eine Annonce in einer Zeitschrift entdeckte: „1000 freie Lehrstellen im Osten“. Den Haken daran erkannte er sehr schnell. Alle waren per Fax abzurufen, dazu noch mittels 0190-Nummern, die viel Geld kosten. „Da hab ich mir gesagt, das kann nicht alles sein und hab‘ angefangen.“ Mit Erfolg. Ungefähr

200 Zugriffe kann die von ihm betriebene Seite täglich für sich verbuchen. Daneben ist er mit seinem Infostand auf zahlreichen Ausbildungsmessen und Veranstaltungen anzutreffen, um jungen Menschen unter die Arme zu greifen und Mut zu machen. In diesem Herbst erscheint zusätzlich ein Buch mit einem Verzeichnis von 10 000 Internetadressen, das besonders Schüler der 8. und 9. Klassen Orientierung geben soll, wer in der jeweiligen

Region ausbildet. Sogar Bundesarbeitsminister Franz Müntefering bedankte sich bereits bei dem Freiwilligen für sein jahrelanges Engagement. „Davon kann ich mir aber auch nichts kaufen“, fügt Schreyer mit Verbitterung hinzu. Denn seine einzige Quelle, aus der Geld sickert, ist das Arbeitslosengeld II. Unterstützung von Seiten

des Staates für seine Arbeit erhält er nicht. Im Gegenteil. „Ich hab‘ denen gesagt,

was ich ehrenamtlich mache und da krieg‘ ich als Antwort, ich solle mich lieber um eigene Arbeit kümmern als um

Lehrstellen.“ Ernüchternd für Schreyer und sein Projekt, das er aus eigener Tasche finanziert. Nach einem Interview dieser Zeitung mit Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt (Grüne) fühlte er sich verstanden. Der Staat sollte Bürger nicht von oben herab behandeln, hieß es als Grundtenor von der Politikerin. Doch genau das erlebe er, sagt Gunter Schreyer, Tag für Tag. „Die denken wirklich, sie können mit den Bürgern machen, was sie wollen“, ist er sich sicher. Sylvio Herzog, Pressesprecher der Landesarbeitsagentur Sachsen, findet diese

Einschätzung „bedauerlich“. Er sieht den Grund oftmals in der problematischen Situation, in der arbeitslose Menschen besonders sensibel reagieren. „Arbeitslosigkeit ist bedrückend und schafft finanzielle Probleme“, so Herzog. Hinzu komme das Gefühl der sozialen Ausgrenzung. Wenn dann noch einzelne Leistungen nicht gewährt

werden können, führe das oft zu frustgeladenen Reaktionen. Wie bei Gunter Schreyer. Er hat die Hoffnung auf geeignete Arbeit längst aufgegeben. „Ich seh`s nicht mehr ein“, schimpft er über seine Lage. Dabei wünsche

er sich nur, dass sein Service ein bisschen finanziell anerkannt wird. „Denn so geht es nicht mehr weiter“,

sagt er. Überhaupt sagt er das sehr oft. Und meint damit seine sozialen Probleme, die sich vor ihm schier unüberwindbar auftun. Aber er macht weiter. Für sich, für die Jugendlichen, für mehr Anerkennung. Katrin Pribyl

 

Leipziger Volkszeitung vom 13.August 2007

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